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Das Ding mit der Berufung und den Männern

Es mag komisch klingen, aber es ist tatsächlich so: Ich habe manchmal das Gefühl, ich wehre mich gegen meine eigene Berufung. 

Ich höre des Öfteren, dass es Menschen gibt, die sich wie wahnsinnig angeblich freuen, dass sie nun endlich beschlossen haben, ihrem Herzen zu folgen, nun endlich anfangen können und wie wild drauf los stürmen. Ich höre davon, wie diese Menschen, wenn die ersten Widerstände kommen, zusammenbrechen oder losheulen, weil es doch nicht so einfach ist, wie sie dachten oder dass sie dann erst realisieren, dass Selbständigkeit viel mehr ist als ein bloßer Schein beim Gewerbeamt.

 

Doch bei mir ist das anders: Ich bin auf alles vorbereitet. So krass drauf vorbereitet, dass ich mich erst gar nicht traue, anzufangen. Mich nicht raus traue aus meinem inneren Loch weil ich die ganze Zeit auf das nächste Loch warte. Auf den nächsten Menschen, der mich anschaut und mir sagt: "Was willst du denn mit deinem Zeug". 

 

Vor einem Jahr sagte ein Mensch zu mir, dass ich mich winde wie ein Aal. Damals kam das so aus ihm raus, als unsere Fassade bei einem Gespräch zu bröckeln begann. Ich wusste damals schon, dass er DAS nicht zufällig sagte. Aber ich wusste auch noch nicht, was er damit meinte. Damals ging es eher um die Liebe, um Beziehungen, was wir aber beide nicht so ganz zugaben ;) und um das Begehren des Anderen. Und nach diesem Gespräch wurde der Kontakt auch weniger. Ich denke heute noch über diese Begegnung nach und was sie mir sagen wollte. Und vor ein paar Tagen konnte ich spüren, was damit gemeint war: "DU windest dich wie ein Aal, damit es bloß nicht geschieht." Und genauso ist es: "Sobald mir ein Mann mehr gefällt, mich irgendwie anzieht, mich fasziniert, schaue ich, dass ich bloß so weit weg komme, wie nur irgendwie möglich." Weil ich es mir selbst nicht eingestehen kann, dass ich auf den ein oder anderen doch stehe. Und dann wundere ich mich, warum ich so wenig erlebe. 

Und wenn mir jemand gefällt, warte ich darauf, dass der andere anfängt, den ersten Schritt zu machen. Weil ich mich selbst nicht traue, zuzugeben, was in mir vorgeht. Oder wenn es auch nur Lust auf Sex wäre. Warum um Gottes Namen sagt man es nicht einfach? "Hallo, ich hätte Lust, mit dir ins Bett zu gehen. Ansonsten, mal schauen, was draus wird." Aber nein, man hat solche Angst, oder ich zumindest, dass der andere in so höhnisches Gelächter verfallen könnte, weil ich mir einbilden könnte, dass er mich auch hübsch und attraktiv finden könnte." Ich bin über 26 Jahre jung und manchmal komm ich mir vor wie ein kleines Kind. 

 

Unfähig, seine Gefühle und Gedanken auszudrücken und sich lieber hinterm Laptop zu verstecken und Texte darüber zu schreiben, was wäre wenn.. statt raus zu gehen und es in der Praxis mal hinzubekommen. Vor zwei Tagen sprach ich eine Frau auf emotionaler Ebene drauf an, dass ich das Gefühl habe, sie würde auf jemanden stehen. Und sie wehrte vehement ab. Und ich muss heute noch schmunzeln, weil ich die Situation wirklich genutzt habe, dass ich mich in ihr ERKENNEN darf. 

Ich sah unmittelbar meinen Spiegel vor mir. Das war einer der Gründe, warum ich sie überhaupt drauf angesprochen habe. Ich spürte, es wird mir helfen, einen Teil von mir zu finden. Und so ist es auch. Ich sah, wie ich eigentlich durch die Welt laufe, obwohl ich auf der anderen Seite hochsensibel und hochsensitiv bin, bin ich doch auch einer der schüchternsten und zurückhaltendsten Mädchen dieses Planeten. Und das ist manchmal echt zum kotzen. Weil ich viel mehr Lust hätte, viel mehr zu erleben. Auch mit Männern. Das ist doch das Leben! Das macht es doch aus. Und vor allem ist meine Devise ja eigentlich: "Sage offen und ehrlich dem Menschen, der dir gegenüber steht, was du von ihm willst. Und wenn du es nicht weißt, sage auch das ihm." 

Na ja gut, ich werde üben. Vielleicht sollte ich diesen Text als Anlass nehmen, nicht nur EUCH davon zu berichten, wie es hinter den Kulissen aussieht, sondern auch als Übungs-Plattform. Ich verspreche hiermit, mich darin zu üben, mit Männern, die etwas in mir auslösen, mehr und ehrlicher zu reden. :) 

 

Ja und genauso wie ich mich bei Männern dagegen wehre, dass sie mir näher kommen und ich alles versuche, um das bloß zu vermasseln, fühle ich mich auch mit meiner Berufung. Ich bin nicht Eine von der Sorte, die einfach loslegen und sofort alles umsetzen und machen und tun und sich unendlich drauf freuen, raus zu gehen und der ganzen lieben Welt mitteilen zu können was ich erschaffen habe.

 

Ganz im Gegenteil. Ich hab solche Angst, raus zu gehen. Zu mir zu stehen. Ich habe solche Angst, einfach mal anzufangen. Ich geh ganz langsam vorwärts. Schritt für Schritt und warte doch die ganze Zeit drauf, dass das nächste große Problem ums Eck kommt und mich auslacht. Ich kann es noch nicht genießen. Ich habe es auch allgemein solange raus geschoben, endlich meinem Herzen zu folgen, obwohl ich tief in mir spüre, dass GENAU DAS DER WEG IST DEN ICH GEHEN WILL UND AUCH MUSS, weil es mir das erste Mal in meinem Leben psychisch gut geht und ich jeden Tag mehr Kraft und Strahlen entwickle. Ich hab es solange raus geschoben, wie ich nur konnte, diesen Weg zu gehen. Und das nicht, weil es mir nicht gefällt, sondern WEIL ES MIR gefällt und FREUDE BEREITET. 

 

Ich bin abgehauen, hab mich auf Wege begeben, die mir nicht gut taten, die ich nicht wirklich liebte, die ich nicht wirklich mochte. Nur - um vor meinem eigentlichen WEG und meiner eigentlichen AUFGABE abzuhauen. Weil ich Angst habe davor. Angst, ob ich das alles schaffe. Ob ich die nötige Kraft habe, die nötige Ausdauer, die nötige Geduld. Das nötige Wissen, die nötige Ausdrucksform, die nötige Stärke, und vor allem: die nötige LIEBE zu all dem, ob ich mich genug abgrenzen kann, genug rausnehmen, aber auch genug geben kann und was ich auch sehr stark lernen darf: "Auch endlich genug NEHMEN kann."

 

Und so geht es mir auch mit Männern. Da hau ich auch ganz gern ab, wenn ich instinktiv spüre, dass es mich richtig positiv flashen würde.

Dass es mir gut gehen dürfte - dass es mir gut gehen könnte - dass mir das, was ich spüre, gefallen könnte. DANN nehme ich meine Füße in die Hand und hau schnell ab. Ist das nicht echt bescheuert? Man haut vor dem ab, was einem gut tun würde. Man rennt davon vor dem, den man liebt. Und man hat solche große Angst vor Glück, Liebe, Erfolg und Fülle.

 

Bei mir geht das mit Männern und der BERUFUNG wirklich einher.

Das spüre ich. Wie geht´s dir denn da? Haust du auch ab, sobald es ernster werden würde? Sobald dir ein Mann wirklich gefallen würde - ich meine so vom Herzen her? Einer, bei dem du instinktiv spürst, dass dein Herz einen Sprung macht, wenn du dir vorstellst, er wäre bei dir? Oder könnte dich aus Versehen glücklich machen? Uuuu, dann gäbe es ja keine Probleme mehr ;-) 

Kennst du das? Oder wenn du einen Mann sexuell attraktiv findest und dich benimmst, als wäre er dir egal statt zu zeigen, was du fühlst und spürst, wenn er dich ansieht? Du ihm nicht das Gefühl geben kannst, das du eigentlich in dir wahrnimmst, nämlich: "Hey, ich steh auf dich. Lass uns mal nen Kaffee trinken gehen." Wir leben schon in einer verdrehten Welt. Das was wir fühlen, wehren wir ab. Weil unser Verstand alles dafür tut, um sich bloß nicht eingestehen zu müssen, dass da MEHR IST. Und hinten rum erzählen wir jemand anderen, wie wir uns wirklich fühlen, was uns aber wiederum absolut nicht zum eigentlich Ziel bringt ;) Weil es ja eigentlich jemand anderes wissen müsste. Nämlich die Person selbst.

Dann leben wir mit jemand anderem zusammen, der uns nicht so tief berührt, um ja nicht zu sehr mit uns selbst konfrontiert zu werden und versuchen uns so wenig wie´s geht, zu berühren und wundern uns, warum unser Leben nicht mehr bereit hält als den tristen Alltag. Aber wehe, es käme ein Prinz um´s Eck, der uns tiefer berühren würde..

Dann rennen wir... 

Oder ich zumindest.

Ganz schnell davon. 

 

Also. In dem Sinne, lasst uns üben und leben wir unsere göttliche Selbstliebe.

PS: Was kann eigentlich schlimmes passieren, wenn wir unsere Gefühle einfach mal aussprechen?

Die Erde wird sich weiterdrehen.

 

© MarinJa